Einen wertvollen Beitrag zum Erhalt von Artenvielfalt und Biodiversität in der Region leistet die Verwendung von gebietseigenem Saatgut. Das sind heimische Pflanzenarten, wie sie sich in der Natur über Generationen selbst entwickelt haben. Durch diese lange gemeinsame Evolution haben sich Wildbienen, Schmetterlinge und Co. genau an diese Pflanzenarten angepasst. Eine Vielfalt an heimischen Insekten kann nur durch eine Vielfalt an unterschiedlichen, in der Region heimischen Pflanzenarten gefördert werden. Der Samen der Wildpflanzen wird mechanisch und schonend von geeigneten Spenderflächen gewonnen, um dann an anderer Stelle innerhalb des gleichen Naturraums wieder ausgesät zu werden.


„Das Einschleppen gebietsfremder Arten bedroht weltweit viele Ökosysteme. Viele sogenannter Neophyten (= invasiv ausbreitende Arten, wie bspw. Indisches Springkraut (Impatiens glandulifera)) haben ihren Weg zu uns als Verunreinigung von Saatgut, das aus anderen Ländern oder Kontinenten stammt, gefunden“, schreibt der Verband Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten (VWW). Auch züchterisch entwickelte Grassorten würden mehrere Generationen überleben, sich etablieren und so die ursprüngliche Entwicklung der Wildformen belasten oder sogar verhindern, da sie zumeist schnellwüchsiger sind als heimische Wildarten.
Die Folge: Bedrohte Ökosysteme sowie eine uniforme und arme Landschaft, die wenig Nahrungsgrundlage für unsere heimischen Insektenbietet.

Doch wie muss eine Spender-Wiese aussehen, von der man gebietsheimisches Saatgut gewinnen kann?

Nur die wenigsten Flächen sind als Spenderflächen wirklich geeignet. Intensiv genutztes Dauergrünland verfügt teils nur über zehn verschiedene Arten, dessen Großteil die Gräser für sich beansprucht. Im artenreichen Extensivgrünland blüht hingegen die Vielfalt der Natur: Krautige Pflanzen mit buntfarbigen Blüten spielen in puncto Biodiversität und Insektenlebensraum eine wichtige Rolle. Obendrein besitzen sie so klangvolle Namen wie „Pimpernelle“, „Kuckucks-Lichtnelke“, „Mausohr-Habichtskraut“ oder „Buschwindröschen“.

Um das Samenmaterial aus den Wildpflanzen möglichst schonend und naturverträglich zu gewinnen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum einen eignet sich ein umgebauter Mähdrescher, mit dem die Wiesen, ähnlich wie Getreidefelder, gedroschen werden.

Um gezielt Samen zu ernten, die an bestimmten Stellen gehäuft vorkommen oder zu einem anderen Zeitpunkt abgereift sind, können auch spezielle Bürstmaschinen zum Einsatz kommen. Sie kehren die Samen von ihren Pflanzenstängeln ab und fangen diese in einem Behälter auf.

Vor der Ernte begehen externe Biolog*innen die Wiesen, um sie zu kartieren, sprich, ihre Arten zu bestimmen.

Auf welchen Flächen wird das regionale Saatgut ausgebracht?

Die durch den Wiesendrusch gewonnenen artenreichen Wildsamen sind prädestiniert für die Ausbringung in der freien Natur. Und auch das Spektrum für ihre Verwendung ist bunt: Öffentliche Grünflächen wie Dämme, Verkehrsinseln, Kompensationsmaßnahmen oder Parks können ebenso begrünt werden wie Dächer von Unternehmen oder Betriebsgelände. Auch im heimischen Garten können Blühstreifen für Insekten angelegt und Wildblumen-Arten angereichert werden. Im landwirtschaftlichen Bereich können Flora-Fauna-Habitate und Naturschutzwiesen aufgewertet, extensives Dauergrünland neu angelegt oder Wühlstellen nachgesät werden.

Wichtig zu wissen: Eine Extensivwiese entsteht nicht innerhalb eines Jahres. Genau wie in der Natur ist damit ein langer Prozess verbunden. Im Anlagejahr sieht man, anders als bei schnellwüchsigen einjährigen Acker-Blühmischungen, noch keine Blütenvielfalt. Die Neuanlage muss zudem gepflegt werden, beispielsweise durch einen Schröpfschnitt nach circa 6 Wochen, um den grazilen Wildarten wieder mehr Licht und Lebensraum bereitzustellen. Einige Arten benötigen sogar einen Frostreiz, um zur Blüte zu kommen. Dafür entwickelt sich in den Folgejahren eine artenreiche Grünlandpopulation, die einmalig ausgesät wird und auf lange Sicht wertvollen Lebensraum bietet.